Teil 1: Zusammensetzung und Entwicklung
Unser Wohlstand ist bedroht, die aktuellen Meldungen über den Abbau und/oder die Verlagerung von Arbeitsplätzen in der Industrie bestimmen die Nachrichten und erzeugen durchaus berechtigte Ängste vor einem sozialen Abstieg. Bei den verschiedenen diskutierten Ursachen ist ein Faktor immer dabei: die zu hohen Energiepreise.
Warum das so ist und vor allem was dagegen getan werden kann, soll in einer Reihe von Beiträgen nachvollziehbar und transparent dargelegt werden.
Unter Energiepreisen werden dabei die Strompreise verstanden, um die es doch häufig geht und die auch zunehmend wichtiger werden: durch Elektrifizierung steigt der Strombedarf der Industrie, des Verkehrs (E-Auto) sowie der Haushalte (Wärmepumpen) an und weitere CO2-Emissionen (Verbrennen fossiler Energieträger) können verhindert werden.
In den jeweiligen Beiträgen werden zu allen Zahlen oder Grafiken die Quellen / Literaturangaben genannt, persönliche Einschätzungen des Autors kenntlich gemacht.
Kommentare, Fragen, Einwände sind herzlich willkommen.
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Die Beitrage mit ihren Schwerpunkten im Überblick
Teil 1: Zusammensetzung und Entwicklung der Strompreise
Teil 2: Kosten durch Stromerzeugung
Teil 3: Kosten durch Netzentgelte
Teil 4: Kosten durch Steuern & Abgaben
Teil 5: Zusammenfassung und Ausblick
Die Beiträge erscheinen jeweils sonntags in den folgenden Wochen.
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Höhe der Strompreise
Deutschland ist bei den Strompreisen leider Spitzenreiter in Europa wie die einleitende Grafik für 2025 am Beispiel der Haushalte (bis 3.500 kWh) zeigt [1]. Die Haushalte in Deutschland mussten in 2025 demnach 4 Mal so viel für den Strom bezahlen wie Ungarn mit den niedrigsten Strompreisen.
ACHTUNG: wenn aktuell ein Haushalt einen neuen Vertrag über 12 Monate abschließt, betragen die Kosten 28 ct/kWh [2]. Daher unbedingt bei auslaufenden Verträgen die aktuellen Marktpreise vergleichen.
Natürlich sind die Länder sehr unterschiedlich, bei einem solchen Vergleich ist immer auch Vorsicht geboten. Um ein Beispiel zu nennen: wie stark ein Land die Strompreise subventioniert, geht aus diesem Vergleich nicht hervor und kann ein Grund für relativ geringe Steuern & Abgaben einzelner Länder sein (Irland, Luxemburg).
Wie setzt sich der Strompreis zusammen
Die folgende Grafik zeigt, dass sich die Strompreise aus den 3 Hauptbestandteilen Stromerzeugung, Netzentgelte sowie Steuern & Abgaben zusammensetzen [3]:

Gut 40% des Strompreises wird durch die Kosten für die Stromerzeugung inkl. der Beschaffung der dafür benötigten Energieträger wie Öl oder Gas verursacht.
Deutschland importiert pro Jahr für ca. sagenhafte 80 Milliarden € Öl und Gas [4]. Dass wir bei diesen Energieträgern abhängig sind, spüren wir nun sehr hart als Folge des Irankrieges. Demgegenüber ist unsere Abhängigkeit bei der Stromerzeugung durch Erneuerbare Energien sehr gering.
Die Netzentgelte sowie Steuern & Abgaben tragen in 2026 jeweils zu ca. 25% zum Strompreis bei.
Natürlich sind diese Anteile nicht fix und können sich teilweise merklich verändern. Die vorstehende Grafik zeigt die Situation vor Ausbruch des Irankrieges. Mit den stark gestiegenen Kosten für Öl ist der Anteil der Stromerzeugung aktuell deutlich höher, die anderen beiden Anteile geringer als 25%.
Kurzfristig beeinflussbar sind nur Steuern & Abgaben, die Kosten für Stromerzeugung und die Netze lassen sich nur langfristig beeinflussen.
Beispiel: zum Jahreswechsel 2025 / 2026 wurden die Steuern & Abgaben verringert. Grund ist ein staatlicher Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro an die Netzbetreiber. Die daraus resultierende Entlastung wurde weitgehend an die Kunden weitergegeben. Als Konsequenz ist der Anteil der Netzentgelte von 27,6% in 2025 auf nun 24,8% in 2026 gesunken [3].
ACHTUNG: kurzfristige Entlastung ist gut, kann aber dazu führen, dass die nun fehlenden Steuereinnahmen an anderer Stelle wieder „geholt“ oder durch höhere Schulden finanziert werden müssen. Ziel muss deshalb sein, die Stromkosten nachhaltig / strukturell zu verringern, indem die Erzeugung und Verteilung (Netzausbau) kostengünstiger gestaltet wird.
Wie kommt der Strompreis zustande
Die Strombörse
Der Strom aller europäischen Strommärkte (ausser Schweiz) wird an der (Strom-) Börse gehandelt. Damit bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Die einzelnen Länder bieten überschüssigen Strom an, andere Länder kaufen je nach Bedarf Strom an der Börse ein.
Beispiel: Könnte man etwa mit einem dänischen Windpark den deutschen Bedarf billiger decken als mit einem deutschen Kraftwerk, wird automatisch das entsprechende dänische Angebot angenommen.
Die nachfolgende Grafik zeigt diesen europäischen Stromhandel sehr deutlich. In 2025 haben wir Strom aus Dänemark, Frankreich oder Niederlande importiert (Balken nach oben) und nach Österreich oder Luxemburg exportiert (Balken nach unten) [5].

Wie an einer Börse üblich, schwanken die Preise dabei zuweilen sehr stark. Für Verbraucher sind diese Schwankungen nicht relevant, weil es üblicherweise längerfristige Lieferverträge gibt.
Die Merit-Order
In Deutschland und Europa gilt das Prinzip der „Merit-Order“. Diesem geltenden Prinzip zufolge bestimmt das teuerste Kraftwerk (meistens Gaskraftwerk), das zur Deckung des Bedarfs gerade noch benötigt wird, den Strompreis für alle [6].
Der Strom aus Sonne und Wind ist am günstigsten. Reicht dieser nicht aus, werden die vorhandenen fossilen Kraftwerke zugeschaltet, also Kohle- und Gaskraftwerke. Da diese deutlich höhere Stromkosten verursachen, bestimmen deren Kosten den Strompreis an der Börse.
Wie haben sich die Preise in den letzten Jahren entwickelt
Bei den Strompreisen wird je nach jährlicher Abnahmemenge meistens unterschieden zwischen Haushalte (z.B. bis 3.500 kWh), Gewerbe (bis 100.000 kWh), Industrie (160.000 – 20.000.000 kWh) sowie Großhandel (Börsenhandel).
Haushalte
Nachfolgende Grafik zeigt die Preisentwicklung für Deutschlands Haushalte bzw. Privatkunden [2]:

Die Entwicklung zeigt deutlich die Auswirkungen des Überfall Russlands auf die Ukraine mit der deutlichen Steigerung der Preise in 2022. Gut ist zu erkennen, dass die Kosten für die Stromerzeugung bzw. die Beschaffung die Preiserhöhung verursacht haben.
Beispielhafte Maßnahmen der Regierung zur Kostenentlastung der Verbraucher waren bzw. sind:
- 2022-2023: die EEG-Umlage wurde ab 2022 nicht mehr über die Strompreise umgelegt, sondern über den Bundeshaushalt bzw. den Energie- und Klimafond EKF finanziert
- 2025-2026: die Verringerung bei den Netzentgelten von 10,9 auf 9,3 ct/kWh ist durch einen staatlichen Zuschuss (s.o.) über 6,5 Milliarden € bedingt.
Industrie
Die Industriepreise liegen gemäß nachfolgender Grafik (Jan 2020 – Jan 2026) nun unter dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg [7].

Großhandel
Nachfolgende Grafik zeigt die an der Börse gehandelten Strompreise für die Jahre 2022 – 2025 [2]. In den letzten 3 Jahren schwankten die Strompreise zwischen 36 Euro und 586 Euro pro Megawattstunde (entspricht 3,6 – 58,6 ct/kWh).

2024 sind die deutschen Strompreise an der Börse gegenüber 2023 auf 7,95 ct/kWh gesunken und das trotz des vollständigen Atomausstiegs. Der Strompreis lag 2024 sogar unter dem Niveau von 2021, als noch 6 Atomkraftwerke betrieben wurden.
ACHTUNG: zwar liegen die Preise für die Industrie sowie den Großhandel wieder auf dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg. Die Bedrohung für die energieintensiven Industriezweige in Deutschland (Deindustrialisierung) sind dadurch bedingt, dass sich die Strompreise in sonnenreichen Ländern massiv verringert haben. Grund sind die stark gesunkenen Preise für Photovoltaik und Batteriespeicher. Mehr dazu in Teil 2.
Was sind die Ursachen für diese massiven Preissteigerungen in 2022
Haupttreiber dieser Preisentwicklung war der bereits geschilderte russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dabei haben allerdings mehrere Faktoren zusammengewirkt und sich gegenseitig verstärkt:
- Explodierende Gaspreise: durch gedrosselte russische Lieferungen wurde Gas extrem knapp und teuer; der massiv gestiegene Gaspreis hat dann durch das geltende Prinzip der „Merit-Order“ den Preissprung verursacht.
- Geopolitische Lage & Lieferunterbrechungen: die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die verringerten Gaslieferungen über die Pipelines (wie Nord Stream 1) führten zu panikartigen Preissteigerungen, weil eine weitere Verknappung des Angebots erwartet wurde.
- Geringere Stromerzeugung aus Erneuerbaren: wegen einer geringeren Produktion durch Windkraft in 2021/2022 musste wiederum mehr Strom aus teuren fossilen Energieträgern (Gas und Kohle) erzeugt werden
- Gestiegene CO2-Preise: fossile Kraftwerke mussten Zertifikate für CO2-Emissionen erwerben, die gestiegenen Kosten für diese Zertifikate wurden auf den Strompreis umgelegt
- Hohe Nachfrage & geringes LNG-Angebot: weltweit stieg die Nachfrage nach Energie, das zunehmend knappe Angebot hat die Preise weiter in die Höhe getrieben
Preissteigerungen in 2026 – die Erneuerbaren verhindern weiteren Anstieg
Mit den Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg 2022 musste jetzt durch den Iran-Krieg wiederum mit einem Anstieg der Strompreise gerechnet werden, Öl- und Gaspreise sind durch die erzwungene Knappheit massiv gestiegen.
Tatsächlich aber sind die Strompreise aktuell leicht gesunken. Der Grund ist eine stärkere Erzeugung an Windstrom in den ersten Monaten 2026. Dadurch mussten weniger teure fossile Kraftwerke eingesetzt werden, der Strompreis ist wegen des höheren Anteils an Erneuerbaren Energien im Strommix 2026 gesunken [8].

Im Februar waren noch 40% Gaskraftwerke preissetzend, im März wegen erhöhter Windkraft nur noch 24%. Oder: durch mehr günstige Erneuerbare Energien in der Stromerzeugung entkoppelt sich der Strompreis nach dem Merit-Order-Prinzip vom Gaspreis.
Dr.-Ing. Christian Blaufelder
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Quellen
[1] https://strom-report.com/strompreise-europa/
[2] https://strom-report.com/strompreisentwicklung/
[3] https://strom-report.com/strompreis-zusammensetzung/
[5] B. Burger, L. Gandhi: Stromerzeugung in Deutschland im Jahr 2025; Fraunhofer ISE, 22.01.2026
[6] https://www.next-kraftwerke.de/wissen/merit-order
[7] https://www.smard.de/page/home/topic-article/46/215546/industriestrompreise
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Der nächste Beitrag erscheint am 12. April, Inhalt sind die Kosten durch die Stromerzeugung
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