SMR / Mini-Atomreaktoren – helfen uns nicht

Beitrag in Meine-News vom 22. März 2026

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Kernenergie wird wegen des Iran-Krieges und der Preisexplosion bei Öl und Gas als Lösung unserer Energiekrise wieder heftig diskutiert. Es sind vor allem Politiker (nicht Vertreter der Wirtschaft oder der Energiebranche !!), die für einen Wiedereinstieg werben.

Mit meinem Beitrag „Kernenergie schafft Wohlstand – wie das denn?“ hier bei Meine-News am 6. März 2026 habe ich darum gebeten, bewertbare Studien genannt zu bekommen, die einen Wiedereinstieg Deutschlands auf der Basis von nachprüfbaren Zahlen, Daten und Fakten belegen. Leider gab es keine einzige Rückmeldung. Das wundert mich nicht, tatsächlich kenne ich keine solche Studie, bin aber absolut daran interessiert, eine zu lesen, wenn es denn eine gibt … neben all den vielen Behauptungen von Politikern wie z.B. M. Söder oder J. Spahn oder die Energie-Experten der AfD wie A. Weidel & Co..

Aktuell am häufigsten geht es um die SMR – die Small Modular Reactors, also modular konzipierte Atomreaktoren mit geringer Leistung, von Söder „Mini-Meiler“ bezeichnet. Die These: mit diesen kleinen Reaktoren

  • kann günstig Strom produziert werden, z.B. um Datencenter zu versorgen
  • kann unser vorhandener Atommüll verbrannt (und damit elegant verwertet) werden
  • werden wir unabhängiger von Öl- und Gaskrisen

Mit diesem Beitrag will ich begründen, warum das ein Irrglaube ist, der Deutschland vor allem nicht dabei hilft, die Stromkosten zu verringern

Bei dieser Frage besitze ich ein gewisses Expertenwissen, weil ich jahrelang Teil eines Konzernprojektes mit dem Ziel gewesen bin, die Vorteile der Modularisierung für uns in der Chemischen Industrie zu nutzen.

Die Idee der SMR, der kleinen modularen Reaktoren

Jahrzehntelang ist genau diese Modularisierung ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Stärke Deutschlands gewesen. Vor allem die Automobilindustrie hat erfolgreich das Konzept „Modularen Querbaukasten“ (MQB)  umgesetzt und so die Produktionskosten verringert [1]. Für uns als Kunden sehen die meisten Autos unterschiedlich aus, tatsächlich sind viele Komponenten sowie der Aufbau eines Autos weitgehend identisch. Dadurch konnte die Massenfertigung optimiert und damit der Aufwand für die Produktion eines Autos deutlich verringert werden.

Viele  Maschinenbauer haben ebenfalls erfolgreich modularisiert, so ihre Wettbewerbsposition im globalen Markt erreicht, zu unseren Exporterfolgen im Maschinen- / Anlagenbau und somit zu unserem Wohlstand beigetragen.

Einer der Experten und Vordenker in Deutschland ist Prof. Wildemann, zu dem auch wir in unserem Unternehmen Kontakt hatten und der an der Einführung der Modularisierung in der Automobilindustrie großen Anteil hat [2].

Dieses Prinzip nun genauso auf die Produktion von Atomreaktoren anzuwenden soll die Kosten für deren Herstellung und damit letztendlich die Stromkosten verringern.

Die entscheidende Frage liegt auf der Hand: kann eine Massenfertigung von SMR realisiert werden!?

Weltweit sehr viele unterschiedliche SMR-Typen

Es stimmt: viele Länder arbeiten an SMR-Reaktoren, wobei unterschiedliche Konzepte mit unterschiedlichen Leistungsstufen untersucht werden. Das Startbild ist von 2020 und bietet einen Eindruck der Vielfalt dieser Technologie weltweit [3].

Technologiekonzepte

Die Zahlen der unterschiedlichen Konzepte schwanken stark. In einer Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS 376) wurden über 69 SMR-Konzepte identifiziert [4], darunter die Verteilung auf die folgenden Reaktortypen:

  • 32 Leichtwasserreaktoren (LWR)
  • 22 flüssigmetallgekühlte Brutreaktoren (LMR)
  • 2 Schwerwasserreaktoren (HWR)
  • 9 gasgekühlte Hochtemperaturreaktoren (GCR)
  • 4 Flüssigsalzreaktoren (MSR)

Bei anderen Quellen sind es 130 unterschiedliche Konzepte [5]

Es soll hier nicht weiter auf die Details dieser Technologien eingegangen werden, entscheidend ist die Vielzahl der Technologien, die sich auf eine Vielzahl unterschiedlicher Länder verteilen.

Leistungsstufen

Die größten konventionellen Atomreaktoren haben eine elektrische Leistung von 1.600 MW (EPR von EDF / Areva), die deutschen Atommeiler hatten Leistungen bis 1.400 MW.

Bei den „kleinen Atomreaktoren“ liegen die Leistungen bei wenigen MW, z.B. 10 MW (oft als Mikro-Reaktoren bezeichnet) bis 470 MW (Rolls-Royce).

Es kann diskutiert werden, ob das Rolls-Royce-Konzept noch als SMR bezeichnet werden kann, denn mit 470 MW ist der Reaktor immerhin halb so groß wie die kleineren, älteren deutschen „Großreaktoren“.

Hinter diesem Konzept jedenfalls steckt ein konventioneller DWR (Druckwasserreaktor), der so ausgelegt wird, damit das größte Bauteil der ganzen Anlage, der Atomreaktor selbst, gerade noch auf einem LKW transportiert werden und damit kostengünstiger im Stammwerk, also nicht auf der Baustelle, hergestellt werden kann.

Warum keine erforderliche Lernkurve bei SMR

Die sogenannte Lernkurve ist entscheidend dafür, ob die Kosten eines Technologieproduktes deutlich verringert werden kann. Gibt es mangels Stückzahlen keinen Markt für eine Massenfertigung, gelingt es nicht, den Produktionsprozess so zu optimieren (Standardisierung, Automatisierung), dass die Herstellungskosten pro Einheit deutlich sinken. 

Genau das ist bei den SMR der Fall, diese Lernkurve wird es mangels Marktpotenzial nicht geben. Die wesentlichen Gründe dafür sind

  • Unabhängigkeit
  • Kosten
  • Wettbewerb

Unabhängigkeit

Kaum ein Land wird sein eigenes Konzept aufgeben und sich dem Konzept eines anderen Landes anschließen (Abhängigkeit), um so die möglichen Stückzahlen zu  erhöhen. Schon gar nicht werden sich die meisten Länder auf einen Reaktortyp einigen.

Kosten

Bei geringen Stückzahlen resultieren hohe Kosten pro Anlage. Alle aktuellen Schätzungen gehen davon aus, dass die kWh-Strom aus SMR mehr kosten wird als diese aus konventionellen Großreaktoren [6].

In unserem Konzern mit Fokus auf Spezialchemie gibt es kein ausreichendes Potenzial für Modularisierung einer kompletten Produktionsanlage. Die Prozessbedingungen sind zu unterschiedlich, um wesentliche Anlagenkomponenten in hohen Stückzahlen herstellen lassen zu können. Ausnahme sind einzelne Teilprozesse und deren Komponenten wie bei der Automatisierung, hierbei gibt es vielversprechende Ansätze.

Einzig China könnte in der Lage sein, eine gewisse Lernkurve zu erreichen. China arbeitet daran, die Reaktoren der Kohlekraftwerke durch kleine Atomreaktoren zu ersetzen [7]. Die Idee ist gut, ist doch bei den vielen Kohlekraftwerken die komplette Infrastruktur vorhanden und es könnten attraktive Stückzahlen realisiert werden. Eine andere Anwendung mit höheren Stückzahlen sehe ich ansonsten nirgendwo.

Angenommen, China bring einen solchen Reaktor zur Serienreife, könnte dieser prinzipiell auch in Deutschland eingesetzt werden. Kostenvorteile sind jedoch nur dann realisierbar, wenn wir als Deutschland auch das Sicherheitskonzept des China-Produktes 1:1 übernehmen. Diese Annahme ist m.E. völlig unrealistisch. 

Wettbewerb

Eine der zunehmend erfolgreichen Alternativen zu SMR sind Grundlastkraftwerke aus Solarstrom und Batteriespeicher. In den sonnenreichen Ländern ist dieses Grundlastkraftwerk deutlich einfacher, deutlich günstiger als diese kleinen Atomkraftwerke und kann sofort gebaut werden [8].

Fazit

Ein Zitat von M. Tillich fasst die Situation sehr gut zusammen [9]:  „Schnell fallende Lernkurven sehen wir bei Solar, Wind, Batterien und Elektroautos, also dort, wo echte Massenfertigung möglich ist. Genau darauf hat Martin Jendrischik (Cleanthinking) fundiert hingewiesen: Auch ein „kleiner“ Reaktor bleibt ein hochkomplexes Nuklearprojekt: viele Hersteller, viele Designs, viele Zulassungen; keine steile Lernkurve, keine disruptive Zukunftstechnologie.“

Es ist absurd, wenn Politiker SMR als Lösung unserer Energieprobleme beschreiben. Es ist unverantwortlich, Milliarden in eine Technologie ohne Zukunftspotenzial zu investieren und knappe finanzielle Mittel aktuell vorhandenen, sofort umsetzbaren Technologien wie den Erneuerbaren Technologien inkl. Batteriespeicher zu entziehen. Und es ist unverständlich, warum so viele Menschen auf diese haltlosen Versprechungen hereinfallen.

Literatur

[1] https://www.n-tv.de/auto/VW-revolutioniert-den-Autobau-article5429026.html

[2] H. Waltl, H. Wildemann: Modularisierung der Produktion in der Automobilindustrie; TCW, 2014

[3] Overview of Small Modular Reactor Technology Development; Frederik Reitsma; IAEA; 29 July 2020

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Small_Modular_Reactor

[5] https://winfuture.de/news,155871.html; SMRs in der Krise: Mini-Atomkraftwerke halten Versprechen nicht; 30.12.2025

[6] https://www.n-tv.de/wirtschaft/Leonhard-Gandhi-beurteilt-SMR-Minireaktoren-sind-technisch-gesehen-zu-klein-ineffizient-und-teuer-id30492859.html; 22.03.2026

[7] https://www.youtube.com/watch?v=oYdVAI5zozs; Cleaning-up Podcast Ep163; Nuclear meets Coal

[8] https://oekonews.at/abu-dhabi-pv-akku-grundlast-statt-aus-akw+2400+1232213; ABU DHABI: PV+Batterie-Grundlast anstatt Grundlast aus AKW, 03.01.2026

[9] Martin Tillich; LinkedIn; 19.03.2026

Author und Text: C. Blaufelder

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